Dr. Jochen Kalka, Chefredakteur der W&V

Jochen Kalka ist Chefredakteur der Fachzeitschriften W&V, Kontakter und LEAD digital.

Fabian Gerstenberg: Lieber Herr Kalka, wie viele Pressemitteilungen haben Sie vor 15 Jahren im Rahmen Ihrer redaktionellen Arbeit für die W&V an einem regulären Arbeitstag erhalten?

Jochen Kalka: 37 Mitteilungen. Nein, im Ernst, vor 20 Jahren war es ein durchaus großer Poststapel mit vielleicht 200 Pressemitteilungen, die morgens unter den Redakteuren verteilt wurden. Vor 15 Jahren hatte ja schon das Internet-Zeitalter begonnen, da ging es mit der fahrlässigen Streuung los, da waren es bestimmt schon um die 300 täglich.

F.G.: Wie viele Pressemitteilungen erreichen Sie heute? Und wie viele dieser Presseinformationen sind verwertbar?

J.K.: Allein in meinen eigenen Account fließen täglich zwischen 500 und 1.000 Mails, ein Großteil davon Pressemitteilungen, die oft weniger Aussagen haben als Spams. In die gesamte Redaktion kommen täglich weit mehr als 10.000 Pressemitteilungen, Dopplungen nicht gerechnet. Wir verfassen in der Redaktion täglich zirka 50 Online-Meldungen sowie knapp 30 gedruckte Seiten mit all unseren Fachpublikationen (W&V, Kontakter, LEAD digital, touchpoint,…). Unser Credo ist aber, selbst Recherchiertes zu publizieren, da es in unserer Branche viele Anbieter gibt, die tatsächlich noch Pressemeldungen 1:1 auf den Markt bringen. Wir greifen in Summe vielleicht 30 am Tag auf, nehmen manche als Anregung für ein Thema.

F.G.: Was können Kommunikatoren von Unternehmen und PR-Agenturen besser machen, um Sie für ihre Inhalte zu begeistern?

J.K.: Das ist so einfach: PR-Agenturen sollten sich vorher überlegen, welche Medien zu den Inhalten passen. Dann sollten sie ihre Botschaften über ihre Kontaktpersonen spielen. Und zwar exklusiv, das ist sehr wichtig. Es ist doch besser, nur die relevanten Themen in den relevanten Medien zu spielen, als jede Nichtigkeit groß und breit rauszupusten.

F.G.: Welche Quellen nutzen Sie für Ihre tägliche Redaktionsarbeit?

J.K.: Kontakte, Kontakte, Kontakte. Das ist das Wichtigste. Es gibt durchaus auch PR-Agenturen, die sehr clever und unaufdringlich mit Redaktionen umgehen können und tolle Interviews vermitteln oder kurzfristig O-Töne von wichtigen Protagonisten einholen können. Ansonsten nutzen wir das übliche Spektrum, von dpa/ots bis hin zu Genios.

F.G.: Welche Online-Plattformen werden zukünftig für qualitativ hochwertige Redaktionsarbeit unverzichtbar sein?

J.K.: Ich bin ja der Meinung, dass die Online-Plattformen noch lange nicht da sind, wo sie technisch sein könnten. Versuchen Sie mal, eine Reise zu buchen. Jedes Mal müssen Sie Datum, Familienmitglieder, Ziel, etc, von Neuem eingeben. Und das im Zeitalter von Cookies und Targeting. Ähnlich ist es mit journalistischen Online-Plattformen. Es gibt ein paar Ideen wie die Huffpo, doch da muss sich zeigen, ob sie mit vollem Herzen betrieben wird, wie es einst Arianne Huffington in den USA tat. Vereinzelt können auch Blogs gute Quellen sein, meist aber nur, wenn entsprechende Ernsthaftigkeit dahinter steckt, also ausgebildete Journalisten oder entsprechende Spezialisten. Das ist aber noch immer eine Seltenheit. Man muss aber zugeben, dass Journalisten heute durchaus auch über Twitter, Facebook, aber auch mehr und mehr über Whatsapp und Snapchat Informationen vorab erhalten.

F.G: Wann finden Ihre Redaktionsrunden statt? Und wann sind Sie für einen Dialog mit Experten zu erreichen?

J.K.: Wir haben die täglichen Sitzungen komplett storniert. Es gibt nur noch eine Sitzung, am Mittwochvormittag. Der ideale Dialogtag ist bei der W&V-Mannschaft wahrscheinlich Montag, vereinzelt auch der Dienstag. Wir gehen freitags in Druck. Beim Kontakter-Team gehen wir dienstags in Druck, entsprechend entspannt ist hier der Mittwoch – wobei beim Kontakter Schnelligkeit und Aktualität so groß geschrieben wird, dass wir bis unmittelbar vor Druck exklusive News austauschen.

F.G.: Das Telefon klingelt an einem gewöhnlichen Arbeitstag: Wer ist im Idealfall an der anderen Leitung? Wer sind Ihre liebsten Ansprechpartner?

J.K.: Wenn Geschäftsführer zum Telefon greifen, um mit einer Redaktion zu sprechen, dann geben sie in der Regel keine wertvollen Informationen preis, sondern wollen sich schlicht beschweren. Das ist meine Erfahrung. PR-Mitarbeiter dagegen wollen unbedingt den Chefredakteur sprechen, versuchen es oft tagelang – und kommen dann mit einer Nichtigkeit. Pressestellen haben immerhin zuweilen ein spannendes Thema. Ich finde, es gibt in allen Bereichen tolle Menschen, die professionell arbeiten. Ist das Vertrauen aufgebaut, kann jeder anrufen, auch der PR-Leiter oder Pressesprecher. Dann weiß man, es ist kein Zeitdieb, sondern ein zuverlässiger Partner. Mit entsprechenden Inhalten.

F.G.: Wie werden Sie im Jahr 2020 arbeiten? Inwiefern wird sich die redaktionelle Arbeit verändern?

J.K.: Auf einer einsamen Insel… Aus den USA schwappt momentan eine Welle des bezahlten Inhalts auf Redaktionen zu. Native Advertising wird das meist genannt. Immer mehr Redaktionen sind dankbar, wenn sie von einem Nestlé eine tolle Schokoladengrafik erhalten oder vom ADAC einen glaubwürdigen Kurzfilm, um erfundene Beispiele zu nennen. Davor kann einem Bange werden. Ich hoffe und glaube, dass sich über lang oder kurz glaubhafter, unabhängiger Journalismus durchsetzen wird. Ob Redakteure dabei auf Laptops oder i-Pads oder sonstigen Innovationen rumhacken, ist völlig egal. Und wo sie das tun, auch.

F.G.: Wie wird sich das Medienverhalten Ihrer heutigen Leser in den nächsten Jahren verändern?

J.K.: Es gibt zwei Tendenzen, die mir nicht gefallen und die das Medienverhalten massiv beeinflussen werden: Erstens können immer mehr Menschen nicht unterscheiden, welche Quelle gut und welche böse oder zumindest unglaubwürdig ist. Das ist ein Problem für seriöse Medien, weil die Bereitschaft, für Qualität zu zahlen, nicht entsprechend gegeben ist. Zweitens verstehen immer mehr Menschen größere Textzusammenhänge nicht. In der jüngsten PISA-Erhebung wurde als „Textverständnis-Aufgabe“ eine Karikatur gezeigt. Hallo? Geht´s noch? Doch auf diese beiden Entwicklungen müssen sich die Medien einstellen. Und doch bin ich der Überzeugung: Guter Journalismus wird überleben. Er ist eine gesellschaftlich-relevante Korrektive.

F.G.: Vielen Dank.

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