Oliver Riebl, Chefproducer im MDR Landesfunkaus Sachsen

Oliver Riebl verantwortet und moderiert die Diskussionssendung „Dienstags direkt“ und ist Chef vom Dienst bei MDR 1 RADIO SACHSEN. In den vergangenen sechs Jahren hat er die Online-Redaktion im MDR Landesfunkhaus Sachsen aufgebaut und geleitet, zuvor war er Programm- und Sendeleiter Hörfunk. Geboren 1965 in Hamburg sammelte er in den frühen 80er Jahren erste Mikrofonerfahrung im Jugendfunk des NDR. Ausgebildet unter anderem bei den Tagesthemen, im Studio Bonn des NDR und als Lokaljournalist in Oldenburg i.O., blieb er bis 1989 Reporter und Moderator beim NDR. Es folgten Jahre als Redakteur bei Radio Hamburg, der BILD-Hamburg, der Chemnitzer Morgenpost und als Redaktionsleiter bei Antenne Sachsen, bis Riebl 1994 zum MDR ging. Er ist Experte für Fragen der Medienethik und beschäftigt sich intensiv mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung.

Fabian Gerstenberg: Lieber Herr Riebl, wie entsteht trotz Zeitdruck tagtäglich ein aktuelles, informatives und unterhaltsames Radioprogramm?

Oliver Riebl: Das ist eine Teamleistung! Zeitdruck ist der Feind der Kreativität – aber ich kann mich immer darauf verlassen, dass jemand aus dem Team von MDR 1 RADIO SACHSEN die eine oder andere schräge Idee mitbringt. Die mag auch schon zu Hause unter der Dusche entstanden sein oder beim Bier am Abend, Radioleute schalten nach Feierabend nicht einfach ab.

Wir haben verinnerlicht, immer aufmerksam und offen für Ideen zu sein – und vom Hörer her zu denken. Was interessiert? Was muss man wissen, um Mitreden zu können? In unserem Fall als öffentlich-rechtlicher Sender kommt noch der Programmauftrag hinzu: Was sollte interessieren? Dann besteht die Herausforderung darin, auch den tausendsten Bericht über eine politische Debatte so zu gestalten, dass unsere Hörerinnen und Hörer ihn hören möchten und spannend finden.

F.G.: Welche Rolle spielen Inhalte von PR-Agenturen und Presseabteilungen von Unternehmen für Ihren Redaktionsalltag? In welcher Form erhalten Sie Inhalte von externen Partnern?

O.R.: Zunächst sind PR- und Pressetexte Quellen wie jede andere auch, wobei Infos von Pressestellen oft mehr Substanz haben als PR-Texte. Wenn ein Unternehmen meldet, dass es aus- oder abbaut, ist das für die Hörerinnen und Hörer relevant, da es um Arbeitsplätzte geht. Schreibt mir eine PR-Agentur, will sie meist ein Produkt, eine Veranstaltung oder auch einen Menschen in unserem Programm platzieren. Wir sind nicht dafür da, für etwas oder jemanden Werbung zu machen. Ist die Info für den Hörer allerdings relevant oder interessant, entscheiden wir, in welcher Form wir das Thema journalistisch aufgreifen. Und falls mir eine PR-Agentur ein Interview mit Mick Jagger anbietet, nehme ich es, unabhängig davon, dass Mick durch die Sendung vielleicht zwei CDs mehr verkauft. J

Es gibt auch Agenturen, die fertige Radiobeiträge oder O-Töne zur kostenlosen Ausstrahlung anbieten. Davon lassen wir die Finger, kategorisch. Irgendjemand hat dafür bezahlt, also ein kommerzielles Interesse daran, dass das gesendet wird. Journalistische Produkte werden von Journalisten gemacht, die ich kenne, denen ich vertraue und von denen ich weiß, dass sie sich an journalistische Regeln halten. Die Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut, sie darf nicht verspielt werden.

Presse- und PR-Texte erreichen uns fast immer per Mail. Und da gibt es schon das eine oder andere, was uns die Arbeit erleichtern und damit auch die Erfolgsaussichten mancher Agentur steigern würde. Die zielgerichtete Ansprache wäre ein erster Schritt. Welches Medium, welche Redaktion, welcher Redakteur bearbeitet diese Art von Themen? Statt eine Info mit der Schrotflinte zu verschießen, sollten Agenturen ihre Ansprechpartner kennen. Alles andere verstopft nur den Posteingang und schafft schlechte Stimmung. Genauso – und das gibt es wirklich noch! – wie Betreffzeilen mit dem Betreff „Pressemitteilung“, dazu im Textkörper die Bitte, den Inhalt der Dateianlage zur Kenntnis zu nehmen …. Bitte! Kurz und übersichtlich das „Was“ in die Betreffzeile und das Wer – Was – Wann – Wo in die ersten Zeilen der Mail. Romane lese ich in meiner Freizeit, im Redaktionsalltag geht es um schnelle und präzise Information.

F.G.: Wie eng ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Redaktionen des MDR? Gibt es hier Synergien bzgl. der redaktionellen Themen?

O.R.: Enger geht es kaum! Hörfunk, Online und Fernsehen arbeiten Hand in Hand, Redaktionskonferenzen haben wir gemeinsam. Fachredaktionen – beispielsweise für Politik oder Kultur – sind für Inhalte verantwortlich, unabhängig vom Verbreitungsweg. Informationen und Ideen werden ausgetauscht, Radioreporter bringen Fotos für Online mit und Fernsehreporter Töne für das Radio, Recherche-Ergebnisse der Onliner fließen in die Berichterstattung bei Radio und Fernsehen ein … und so weiter. Gemeinsam sind wir „MDR Sachsen“. So heißt auch unser Informationsmagazin im Internet. Unsere Online-Redaktion MDR SACHSEN sitzt mit den Hörfunk-Nachrichten im selben Raum. Da geht keine Information verloren!

Auch mit Redaktionen an anderen Standorten und von anderen MDR-Programmen – der MDR ist in drei Bundesländern weit verzweigt – funktionieren Kommunikation und Austausch immer besser. Kooperation bringt den Redaktionen mehr Vorteile als interne Konkurrenz, zum Beispiel durch gegenseitige Programmhinweise. Aber, zugegeben, das mit der Kooperation zwischen verschiedenen Programmen haben wir erst lernen müssen.

F.G.: Die Verkaufsmanager von Radiosendern hören die Programme der Mitbewerber, um auf potenzielle Werbekunden aufmerksam zu werden. Hören auch Sie und Ihr Redaktionsteam die Mitbewerber in Sachsen, um beispielsweise Trends aus der Region aufzugreifen?

O.R.: Als Redakteur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk lebe ich in der komfortablen Situation, mir um Werbung keine Gedanken machen zu müssen. Werbung und Redaktion sind strikt getrennt. Ich denke, jede Radioredaktion hört mehr oder weniger intensiv in die Programme der Mitbewerber hinein. Schon aus professioneller – und kollegialer – Neugier. Aber zu „klauen“ gehört sich nicht! Um zu erfahren, was in den Regionen Sachsens los ist, haben wir Studios und Büros in Bautzen, Görlitz, Chemnitz, Plauen und Leipzig. Und unsere Mitarbeiter wohnen ja auch hier, verteilt im ganzen Land. Zusammengenommen ergibt das ein engmaschiges Korrespondentennetz. Wir nennen uns ja nicht ohne Grund „MDR 1 RADIO SACHSEN, das Sachsenradio“! Um selbst auch ein „Bauchgefühl“ für die Regionen zu entwickeln, bin ich in meiner Freizeit viel im Land unterwegs. Auch nach mehr als 20 Jahren in Sachsen entdecke ich immer wieder etwas, das mir neu ist. Das macht Spaß!

F.G.: Welche Informationsquellen nutzen Sie noch für Ihre Arbeit?

O.R.: Alle, die ich in die Finger bekomme. Bevor sie nachfragen: Ja, das schließt soziale Netzwerke ein. Dafür hätte ich gerne mehr Zeit.

F.G: Was müssen die deutschen Sender machen, damit die Zuhörer ihrem Sender treu bleiben? Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Community-Gedanke (also die Verknüpfung von redaktionellen Audio- und Online-Inhalten)?

O.R.: Zum ersten Teil der Frage: Ein gutes Programm. Punkt. Die Zeiten des reinen Sender -> Empfänger-Radios sind lange vorbei. Eine eigene, extra eingerichtete Online-Community für die „Freunde des Radios XY“ halte ich persönlich für überflüssig. Aber wir müssen da ansprechbar sein, wo unsere Rezipienten sowieso sind – also auch in sozialen Netzwerken. So, wie ich selbstverständlich erwarte, meinen Telefonprovider dort erreichen zu können, muss es auch mit meinem Tagesbegleiter Radio sein. Und mit dem Fernsehen und dem Online-Angebot des Senders. Ich persönlich halte das zurzeit für eine Selbstverständlichkeit. Im Übrigen erreicht uns auch die eine oder andere schöne Geschichte auf diesem Weg.

F.G.: Welche Rolle spielen Apps und Online-Angebote für die klassischen AC-Sender?

O.R.: Die Zahl der Nutzer unserer Internetangebote steigt kontinuierlich. Überproportional steigt die Zahl der Seitenzugriffe von mobilen Geräten beziehungsweise über unsere Apps. Ein sehr wichtiges und viel genutztes Angebot sind unsere Hörfunk-Nachrichten, die im Netz – in Textform – ständig aktualisiert werden. Die Liste der im Programm gespielten Musiktitel wird auch sehr stark nachgefragt. Und unsere Seite „mdr-sachsen.de“ mit der Berichterstattung aus Sachsen in Text, Bild, Video und Audio ist mein journalistischer Liebling. Hier fließt die Berichterstattung aus und über Sachsen aus allen Teilen des MDR zusammen. Aus Sicht des Nutzers ist das optimal: Ist in Sachsen etwas Wichtiges passiert, hier erfahre ich es. Unabhängig davon, ob eine Radio-, eine Fernseh- oder die Onlineredaktion das Thema gesetzt hat.

F.G.: Vielen Dank für Ihre informativen und ausführlichen Antworten.

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